Tagungen

RÜCKBLICK 24. KREISELtagung – 1. ONLINEtagung

Integrative Lerntherapie – interdisziplinär & inklusiv!

Gut 100 Teilnehmer_innen und Mitwirkende waren am 7. & 8. November bei der 1. Online-Tagung des KREISEL dabei! Nach den unzähligen Rückmeldungen von Teilnehmer_innen und Referent_innen können wir sagen: Es war eine ausgesprochen erfolgreiche Tagung – inhaltlich mit einem großen Bogen, technisch weitestgehend perfekt bis auf minimale Störungen bei Einzelnen, emotional ein tatsächliches Zusammentreffen!

Die intensiven Vorbereitungen mit diesen drei Zielsetzungen haben sich ausgezahlt, mein großes persönliches Kompliment geht an MEIKE SCHÜLER und MARIEKE KLEIN (und GESA HARMS für die technische Unterstützung), die die Umwandlung von Präsenz in Online hervorragend gestaltet und liebevoll-locker moderiert haben, und Herrn MATTHIAS OTTO, der als ‚technischer Moderator‘ wirklich alle unsere Wünsche möglich gemacht hat!

Dazu trugen bei:

  • Eine Diaschau mit Fotos von früheren Tagungen und aus den KREISELräumen in HAMBURG und NECKARGEMÜND weckte Erinnerungen und bei manchen (auch bei mir) ein klein wenig Wehmut.
  • Im Chat gab er herzliche Begrüßungen, man merkte die Freude, dass die Tagung stattfindet und unter den Corona-Bedingungen ONLINE stattfindet!
  • Ein von allen Referent_innen umgesetztes Konzept mit gutem Einbezug der Teilnehmer_innen – an dieser Stelle mein Dank an alle Referent_innen!
  • Nicht zuletzt: Sechs Mitmach-KREISEL mit Rätseln, Bewegung, Musik, einem Kaffeetassen-Foto-Wettbewerb …

 

Im Folgenden möchte ich eine kleine Einordnung der Vorträge und Workshops in das Konzept der KREISELlerntherapie vornehmen – für alle Tagungsteilnehmer und auch für solche, die nicht dabei waren!
Das KREISELkonzept von Lerntherapie – und damit auch das Konzept der Tagung – basiert auf dem ‚Entwicklungsmodell Schriftsprache und Rechnen‘, in dem das individuell hoch komplexe Zusammenspiel von SENSOMOTORIK, SPRACHE, PSYCHE, SCHRIFTSPRACHE und RECHNEN zusammengefasst ist. Damit ist die Basis gelegt für eine übergreifende und interdisziplinäre Sicht und für eine individuelle Herangehensweisen an die Förderarbeit mit Kind/Jugendlichem UND seinem Umfeld Familie und Schule.

Für aktuelle Ausbildungsteilnehmer vertraut, für frühere und für ‚Neue‘: hier das Modell in seiner aktuellen Version. Literatur: Jochen Klein: ‚Die SchADSkiste in der Integrativen Lerntherapie‘. In Gaby Hasenjürgen/Jochen Klein: SchADSkiste. Lernen mit Aufmerksamkeit, S. 11 - 36, Abbildung s/w S. 18. Verlag modernes lernen, Dortmund 2020

 

Das war also auch die Botschaft der Tagung: Integrative Lerntherapie ist interdisziplinär & inklusiv – und
also beschäftigten wir uns mit

  1. SCHRIFTSPRACHE – Rechtschreibverstehen, Leseförderung,
  2. RECHNEN – die Vier statt der Fünf,
  3. SENSOMOTORIK & PSYCHE – PEP, SchADSkiste, Null Bock …
  4. Dazu zwei sicher ZUKUNFTSWEISENDE THEMEN: Lerntherapie IN Schule bzw. Lerntherapie Online,
  5. MEDIZINISCHE Hintergründe der Lerntherapie-Tätigkeit,
  6. Und ein Plädoyer für PROFESSIONALITÄT in der lerntherapeutischen Freiberuflichkeit.

1. Fachdidaktik DEUTSCH/SCHRIFTSPRACHE
Ein überraschender Einstieg im Vortrag von MELANIE BANGEL Rechtschreiben verstehen lernen: Es gibt nur wenige systematische Regelungen für „Richtiges Rechtschreiben“. Das Erstaunen über diese Aussage löste sich bald auf: Ein, wie sie es nennt, „schriftstrukturell orientierter Unterricht“, lässt die korrekte Schreibung des weitaus größten Teils des deutschen Wortschatzes erschließen, und zwar mit Hilfe von phonologisch und morphologisch nachvollziehbaren Regeln. Mit ‚deutscher Wortschatz‘ ist gemeint = nicht aus einer anderen Sprache entlehnt, sondern das Wort entstammt einer älteren deutschen Sprachstufe.
Ja, es gibt etliche wertvolle ¬Systematiken, wie sie z.B. verdeutlichte an ‚Hauptsilbe und Reduktionssilbe‘ (Tafel, finden …) Die Reduktionssilbe (= die 2.Silbe) besteht immer aus einem e als Kern, die Hauptsilbe kann eine offene Silbe sein: Na-se – der Vokal ist lang und gespannt, oder eine geschlossene Silbe sein: En-te – der Vokal ist kurz und entspannt.
Mit diesen und weiteren ‚Wortstrukturtypen‘ kann der Lern-Fortschritt steigen: Silbengelenkschreibung (bellen, essen …); silbeninitiales h (Ru-he, ge-hen …). Die Silbenhäuschen dienen quasi als Raster und unterstützen die kognitive Steuerung des Schreibers bei der Analyse eines Wortes.

HINWEIS: Bis zum 9. Dezember steht hierzu ein kleiner Film zu den Silbenhäuschen zur Verfügung, mit Einverständnis der Referentin auch für Nichttagungsteilnehmer, vielen Dank dafür: Zum Film (gut 5 Minuten)
Für die Suche nach geeigneten Wörtern hier noch ein Link von Frau BANGEL.

Und zugleich wies MELANIE BANGEL eben auch ausdrücklich auf Grenzen in der Rechtschreib-Systematik hin wie beim Dehnungs-h, wo es eher schwache Hinweise als Regeln gibt („l, m, n r am Beginn der Folgesilbe“) oder wie bei Tee, Spagat, Krokodil u.v.a. Lehn- oder Fremdwörtern.
Dafür bin ich sehr dankbar, weil – vom Lernenden aus gesehen – etliche der ja vorhandenen Regelhaftigkeiten nicht so einfach zu durchschauen sind: Einem gesprochenen/gehörten Wort ist erst einmal überhaupt nicht anzusehen, an was alles gedacht werden muss oder ob es ein Lehn-/Fremdwort ist (Tiger, Fenster …)! Und spätestens, wenn ein Lernender immer mehr Regeln kennengelernt hat und anwenden soll, ist dann von entscheidender Bedeutung zu wissen, wann welche Regel anzuwenden ist: Ein schönes Beispiel von Frau BANGEL: „Wie komme ich zur Richtigschreibung von kippt?“ Wo ist denn hier das (Rechtschreib-)Problem? Hilft Verlängern?
So bleibt doch eine Vielzahl von Wörtern, die eher als Merkwörter zu erlernen sind – aber auch da aus Sicht des Kindes: Welche? Bei alledem muss die Lerntherapeutin kompetente und auf das Kind abgestimmte Strukturierungshilfe leisten.

LERNtherapie hat immer diesen fachlichen Anteil. Um ein ‚passendes‘ Lernangebot zu machen, sind darüber hinaus für manche Kinder/Jugendliche neben der Fachdidaktik die einfühlsame therapeutische Beziehung, allerfeinste Diagnostik nicht nur der Schriftsprachkompetenz, sondern auch der Motivation, der Aufmerksamkeit usw. erforderlich – siehe unten. Interdisziplinäre Lerntherapie eben!

Für uns wichtig: Frau BANGEL berichtete zum Abschluss, dass laut einer Interventionsstudie aus dem Jahr 2018 das Fachwissen und das fachdidaktische Wissen zur Rechtschreibung seitens der Lehrenden – Lehrkräfte, Lerntherapeut_innen – von zentraler Bedeutung sind. Denn eine fachliche Sicherheit und darauf basierend eine gute Erklärung der Lehrenden ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für das erfolgreiche Verständnis der Lernenden. Und dies gilt umso mehr, wenn diese Schwierigkeiten haben, dazu Abschlusszitat aus ihrem Vortrag: „Ein an der Struktur der Schrift orientierter Rechtschreibunterricht kann vor allem schwächere Lerner/-innen wirkungsvoll in ihrem Schriftaneignungsprozess unterstützen.“.

Dazu sehr ausführlich: Bangel, Melanie/Müller, Astrid (2018): Strukturorientiertes Rechtschreiblernen. Ergebnisse einer Interventionsstudie zur Wortschreibung in Klasse 5 mit Blick auf schwache Lerner/ -innen. In: Didaktik Deutsch 45, S. 29–49.

 

Ein zweites, wichtiges schriftsprachdidaktisches Workshopthema: Lesenlernen ab der 6. Klasse. Die Bedeutung wird durch sämtliche PISA-Studien und eine nicht sinkende Zahl von Analphabeten drastisch veranschaulicht und ein nicht unerheblicher Teil der Lerntherapie-Klientel benötigt hier in der Tat Unterstützung. HEIKE KLÜNKER wies eingangs darauf hin, dass der genaue Kompetenzstand diagnostisch erfasst werden muss. Darüber hinaus können über einen Lesefragebogen alltägliche Interessen und besonders mögliche Lese-Interessen abgefragt werden, wieviel Zeit investiert werden könnte usw. Auch hier geht es darum, die innere Haltung gegenüber dem Lesen zu erkunden und ggfs. auch daran zu arbeiten.
Letztendliches Ziel ist es, Leseflüssigkeit und Textverständnis zu erweitern. Dabei zeigt sich, dass für einige wenige Schüler_innen noch die Buchstaben-Laut-Zuordnung und die Synthese gesichert werden muss (zumindest sind die früheren Schwächen noch bemerkbar, für einzelne Buchstaben). Doch viele benötigen Angebote noch auf der Wortebene, oder dann auf Satz- und später auf Textebene – eine wichtige Sortierhilfe für die Auswahl jedes Lesematerials. Sehr bewährt hat sich Lesen mit daraus resultierenden Handlungen (Bewegungsaufforderungen, Malen; Logicals …); „präparierte“ Texte (z.B. farbige Silben, womöglich mit dem Textmarker selbst gemacht von den Jugendlichen), Bücher in einfacher Sprache, Comics, Krimi-Geschichten – und natürlich vom Jugendlichen selbst Verfasstes.

 

2. Fachdidaktik MATHEMATIK/RECHNEN
Schon der Workshop-Titel und damit der Grundansatz waren „echt lerntherapeutisch“: ‚Wenn die Fünf eine Nummer zu groß ist … rechnen wir mit der Vier!‘
Mit diesem „Zurückgehen, um springen zu können“ – ein mir unvergessener Satz meiner „Lehrerin“ im Sozialpädiatrischen Zentrum, Dr. INGE FLEHMIG – ist ein wesentliches Element einer entwicklungsorientierten Lerntherapie, d.h. am aktuellen Entwicklungsstand eines lernenden Menschen orientierten Lerntherapie, realisiert: Wenn die Fünf eine Nummer zu groß ist … muss sich die Lerntherapeutin mitunter die Didaktik zurechtbiegen, muss andere als die bestens durchdachten fachlichen Pfade nehmen, um dem Lernenden gerecht zu werden: … also rechnen wir mit der Vier!
Das Herausfinden der vorhandenen Kompetenzen und die Anpassung des Angebots von Inhalt und Material daran ist eines der wesentlichen Merkmale von ressourcenorientierter Lerntherapie. Dies zeigte der Workshop von ANGELA MUSAN-BERNING sehr exemplarisch – und mit welcher Intensität die Lerntherapeutin die klitzekleinen Schritte der Lernenden verfolgen muss, um dann ebenso kleinschrittig zu reagieren, war selbst am Bildschirm deutlich zu erleben, toll!

 

3. SENSOMOTORIK und PSYCHE
Lerntherapie benutzt neben Fachdidaktik für viele Kinder und Jugendliche zusätzliche kindertherapeutische Ansätze, um mit bestehenden Hindernissen wie Abneigungen, Selbstzweifel, Blockaden umzugehen (Dies ist sicher einer der Unterscheidungen im Berufsbild von Lehrkräften und Lerntherapeutinnen). Dazu gibt es vielfältige Vorgehensweisen, bei denen – dies zeigen Erkenntnisse aus den letzten Jahrzehnten immer mehr – eine fast unlösbare Verknüpfung von SENSOMOTORIK & PSYCHE naturgegeben ist.
Beispielhaft hierfür: die Beiträge von STEFANIE KIRSCHBAUM zum Klopfen und von GABY HASENJÜRGEN mit der SchADSkiste.

Die PEP®-Klopftechnik, kurz: Das Klopfen, quasi ein ‚selbstgemachter Körperkontakt‘ (Taktilität, Kinästhesie), schafft positive Gefühle und überlagert und löscht schlechte Gefühle; Klopfen bedeutet ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, es stärkt das Selbstwertgefühl. Die Referentin machte es in ihrer tollen Präsentation allen Teilnehmer_innen möglich, mitzumachen und in einer Selbsterfahrung zu erleben, wie schnell das Klopfen an ausgewählte Akupunkturpunkte wirkte – sehr ermutigend für einen Einsatz mit Kindern und Jugendlichen!
Hier noch ein netter Link (www.youtube.com)

Erstaunlich und erfreulich war zu sehen, dass die im Entwicklungsmodell des KREISEL – Sensomotorik – Sprache – Psyche – Schriftsprache/Rechnen – vertretene Bedeutung von Sensomotorik und Körper für das Lernen im PEP durch ‚Klopfen, Kurbeln und Augenverdrehen‘ für die Theorie eine weitere Bestätigung findet – und für die lerntherapeutische Praxis wunderbare Handlungsanleitungen!
Wer mehr wissen möchte: www.innen-leben.org
Und Bücher unserer Referentin:

 

Lernen gelingt nur mit Aufmerksamkeit!
Mehr LernTHERAPIE geht nicht! Der Workshop von GABY HASENJÜRGEN zu ihrer soeben erschienenen SchADSkiste. Lernen mit Aufmerksamkeit bewies an wenigen Beispielen – Imaginationen mit Bildern und hypnotherapeutisch begründeten Geschichten, Handpuppen, Ressourcenbrettspiel –, wie leichte und effektive Impulse zur Veränderung von Lernverhalten (bei den Teilnehmer_innen im Workshop wirkten und) in der Lerntherapie einsetzbar sind.
Bei welcher Lern- und Lebenssituation auch immer: Wenn die Selbstzweifel zu sehr blockieren, die innere Verweigerung zu stark ist, können die besten didaktischen Konzepte zu Schreiben-, Lesen-, Rechenlernen ihre Wirkung nicht entfalten.
Zentrales Ziel systemischer Lerntherapie ist es also, Ressourcen zu suchen und zu finden: Gemeinsam werden die – immer vorhandenen – Fähigkeiten entdeckt.   
Das von der Lerntherapeutin aus der SchADSkiste ausgewählte Hand- und Mundwerkzeug hilft dem Kind/Jugendlichen, wieder an Veränderungen zu glauben und Selbstvertrauen und Zuversicht zu finden. Wenn Motivation und Veränderungsbereitschaft entwickelt und konkrete Zielvorstellungen formuliert sind, kann Lernen gelingen, sei es so etwas wie die Selbstorganisation des Lernens und Hausaufgaben-Management, seien es effektive Strategien für strukturiertes Lernen von Schriftsprache und Rechnen.
Die Lerntherapeutin hilft dem Klienten, realistische ‚nächste zu lernende Fähigkeiten‘ zu formulieren und die Vorstellung und Handlung vom Ziel und vom Weg dahin zu visualisieren.
Dies gilt durchaus in allen Bereichen des oben abgebildeten Modells (unsere Ausbildungsteilnehmer¬_innen erinnere ich an unsere Datei Therapiekonzeption mit den entsprechenden Feldern).

Nachzulesen im Buch ist ein riesiges Kompendium an Methoden, Spielen, Geschichten …: GABY HASENJÜRGEN/JOCHEN KLEIN: SchADSkiste. Lernen mit Aufmerksamkeit, Wie Ressourcenorientierung und Methodenvielfalt zum Erfolg verhelfen. Dortmund 2020, verlag modernes lernen.

 

Einen anderen, stärker kognitiv orientierten Zugang bei ‚Wenig Bock auf Lernen‘ veranschaulichte CHARLOTTE MAUVE in ihrem Workshop: Bei manchen Jugendlichen gibt es Chaos statt Organisationsstruktur, Unwille zu lernen statt Hausaufgaben, fehlende Leistungsbereitschaft, sie sehen keinen Sinn im Lernen oder etwas salopp ausgedrückt: Gut gelernt ist „Nullbock“. Diesem verfestigten Verhalten gegenüber müssen Lerntherapeut_in/Lerncoach mit Hilfe von Motivation und Werkzeugen beim Jugendlichen einen – häufig durchaus lang dauernden – Prozess initiieren, damit ein Jugendlicher das alte Verhaltensmuster zugunsten eines neuen aufgeben kann. Zum Erlangen einer neuen Perspektive gehört „Klassisches“ wie mit Hilfe des Wochen-/Stundenplans die Hausaufgaben zu organisieren: Was ist für wann zu erledigen? Die hohe Bedeutung der mündlichen Beiträge für die Zeugnisnote kann noch einmal bewusst gemacht werden – dazu gehören Melden, Hausaufgaben, Tests, Referate, Berichtigungen, Gruppenarbeiten, Heftführung – und daran kann gearbeitet werden mit einer Organisationsstunde, Meldelisten usw.

Alle drei Ansätze – PEP, SchADSkiste und Coaching – zusammen bieten fast unwiderstehliche Chancen für Kinder und Jugendliche!

 

4. Zwei ZUKUNFTSWEISENDE THEMEN

KREISEL e.V. hat sich immer nicht nur als Institut für Weiterbildung und Familienentwicklung verstanden, sondern auch verantwortlich gefühlt für

  • die Vernetzung von Gleichgesinnten (rundBRIEF, Mitarbeit in den Fachverbänden, Kooperationen z.B. mit LegaKids/alphaPROF),
  • eine hochwertige Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten und deren Umfeld Eltern und Schule (diese ‚Versorgung‘ war mein persönlicher Antrieb, aus der jahrelangen erfolgreichen Therapeutentätigkeit heraus als Multiplikator die Weiterbildungen zu entwickeln); der KREISEL hatte bisher mehr als 3.000 Absolvent_innen und fast alle sind praktisch tätig geworden!
  • und für ständige Weiterentwicklung der Lerntherapie, als Initiator und Motor für Neues.
    Dazu gehören seit PISA die Initiative Lerntherapie IN Schule ebenso wie jetzt das Befassen mit und der Einsatz für Online-Lerntherapie, was nicht zuletzt eine Motivation war, diese Online-Tagung durchzuführen

JA – Lerntherapie gehört in die Schule! Im Vortrag arbeitete JOHANNA HILKENMEIER heraus, dass es vor Allem darum geht, gute Bedingungen für alle Beteiligten, also Lerntherapeutin UND Lehrkräfte herzustellen. Da gibt es in der Tat eine Reihe schlechter Erfahrungen (kein Raum für die LT, keine Zeit für Lerntherapeutin UND Lehrkraft, schlechte Honorare …). Nach ca. 20 Jahren gesammelter Erfahrungen in Schulen an verschiedenen Orten kann nun das universitäre Forschungsprojekt in HAMBURG gezielt Fragestellungen verfolgen und dann sicher fundierte Ergebnisse über die Effektivität von Lerntherapie IN Schule erbringen. Dafür ist es wichtig, Vor- und Nachteile heraufzufinden und gute Gelingensbedingungen aufzuzeigen.
Der gegenseitigen Wertschätzung und Akzeptanz der jeweiligen Kompetenzen und der darauf basierenden multiprofessionellen Zusammenarbeit wird dabei eine zentrale Bedeutung zukommen. Die systemische, ressourcen- und lösungsorientierte Grundhaltung, wie wir sie im KREISEL praktizieren und wie wir sie in den hier dargestellten Tagungsbeiträgen erlebt haben, sind dafür unabdingbar.
Man darf auf die Ergebnisse und hoffentlich bildungspolitische Konsequenzen des Forschungsprojekts gespannt sein!

Einige Verweise für diejenigen, die nicht bei der Tagung dabei waren:

Online-Lerntherapie ist ein ziemlich neues Vorgehen, mehr durch Corona aufgezwungen, davor eher weniger aus der üblichen lerntherapeutischen Arbeit heraus entstanden. SABINE OMAROW war eine der ersten Lerntherapeutinnen, die diesen Schritt allerdings schon vor langer Zeit gemacht hat und vielfältige Erfahrungen einbringen kann. Ihre klare Botschaft: Vieles ist möglich!
Dabei gibt es für die Online-Arbeit zwei wichtige Aspekte zu berücksichtigen: Die ausgewählte Technik und die eventuell besondere (?) Didaktik.
Die Tool-Frage löste viel Diskussion aus – hier muss jed_er für sich prüfen (Stichworte Handhabbarkeit für die Lerntherapeutin selber und für das Kind/den Jugendlichen und die Eltern; Datenschutz) und dann dieses mit den jeweiligen Möglichkeiten immer besser kennenlernen.
Die anschaulichen Beispiele aus der praktischen Arbeit Online zeigten, wie Materialauswahl und flexibel-kreativer Umgang mit den Möglichkeiten des Mediums aussehen können, wenn didaktisches Wissen und sich hineinversetzen in den Raum rund um den Bildschirm des Kindes zusammenkommen, selbst Bewegungssituationen sind möglich.
Die abschließende Zusammenfassung der Referentin „Online geht wie Präsenz“ basiert sicher auf den Erfahrungen, dass das Medium im Laufe der Zeit immer mehr möglich macht – hier wird jede für sich ihren Weg erarbeiten müssen. Der Vortrag bedeutete auf jeden Fall eine Ermutigung zum Ausprobieren. Es gibt viel Spielraum für viel kreative Lerntherapie und man darf gespannt sein, wo die Entwicklung hingeht!
Eine Option: ‚Hybridlernen‘, ein aktuelles Zauberwort, d.h. die Kombination von Präsenz- und Online-Stunden. Sicher wird hierfür eine wesentliche Rolle spielen, ob und wie eine gute therapeutische Beziehung zu gestalten ist.
Eine weitere Perspektive: Nicht zuletzt sehe ich in der Online-Lerntherapie gute Chancen und viel Möglichkeiten für Kolleg_innen im ländlichen Raum!

Wir konnten übrigens insbesondere bei den Tagungsworkshops ja auch alle sehr schön sehen, was alles möglich ist: Das Nutzen der Werkzeuge und des Chats wächst mit dem Sammeln von Erfahrungen. Und auch die Tagung insgesamt konnte – das zeigen auch die vielen wunderbaren Rückmeldungen, vielen Dank dafür! – mit den eingebauten ‚Spielereien‘ ein Beispiel sein, was alles möglich ist, um einen guten Kontakt und um emotionale Nähe herzustellen: Auch Virtualität ist höchste Präsenz!

 

5. MEDIZINISCHE Hintergründe
Einen wichtigen Hintergrund für die Lerntherapie-Tätigkeit stellt medizinisches Wissen dar. Im Vortrag von CHRISTIAN FRICKE standen drei Schwerpunkte im Mittelpunkt: Das sollten Lerntherapeut_innen wissen über … ADS/ADHS, Asperger, FAS (Alkoholspektrumstörungen)!
Er stellte für AD(H)S deutlich heraus, dass es einerseits neurobiologische, hirnorganische und genetische Hintergründe gibt, mit bis zu zweijähriger Verzögerung in der Hirnreifung, und dass anderseits Umweltfaktoren mit das konkrete Erscheinungsbild ausmachen. Dabei verlagert sich das Bild von stärkerer Hyperaktivität (20%) und Unaufmerksamkeit (37%) bei Kindern im Einschulungsalter hin zu vor Allem Unaufmerksamkeit bei Jugendlichen
(64%). Bei Kindern im Grundschulalter fallen verstärkt Lernschwächen, Klassenkaspern, Aufsässigkeit, Aggressivität und soziale Ausgrenzung auf, mit erheblich erhöhtem Unfallrisiko; bei Jugendlichen eine verstärkte Tendenz zu Drogenkonsum, Jugendkriminalität, Unfallrisiko, Dissozialität, Emotionale Labilität, Aggressivität. Und: 35% der Betroffenen bleiben ohne Schulabschluss.

Für Lerntherapeut_innen wichtig:

  • Aus der diagnostischen Sicht des Mediziners treten als „Begleiterscheinungen der AD(H)S“ LRS, Dyskalkulie, Sprachentwicklungsverzögerungen u.a. auf – in der Lerntherapie-Praxis sind m.E. die Probleme in Schriftsprache und Rechnen immer wieder der Anlass für Hilfeersuchen. Als Lerntherapeuten erleben wir und erfahren wir dann immer wieder in den Elterngesprächen von Verhaltens- und Beziehungsproblemen, die womöglich im Zusammenhang mit einer AD(H)S stehen.
  • Es gibt keinen einfachen, klaren AD(H)S-Test, sondern nur eine komplexe Diagnostik unter Einbezug der Sichtweisen der Eltern und Lehrkräfte. Das macht Fachleuten die Diagnostik und die Abgrenzung zu anderen Störungsbildern schwer und führt nicht selten zu unterschiedlichen Bewertungen. Für uns heißt das: Vorsicht mit eigenen Bewertungen und Stellungnahmen gegenüber Eltern und Lehrkräften!

Mit Autismus oder Autismus Spektrum Störung ist grob zusammenfassend gemeint: Die Fähigkeit, eigene Gefühle, Wünsche und Absichten und die anderer zu erkennen und einzuordnen, ist eingeschränkt. Nachvollziehbar ist, dass dies zu Beeinträchtigungen führen kann in der wechselseitigen sozialen Interaktion; zum Erscheinungsbild gehört auch ein eingeschränktes, sich wiederholendes Verhaltensrepertoire, und dies durchaus mit stärker entwickelten ‚Sonderinteressen‘. Für die Entstehung vermutet man einen vergleichbar komplexen Hintergrund, aber es gibt keine allgemein anerkannte Ursache.

  • Entsprechend ist auch hier die Diagnose durchaus schwierig, es gibt zwischen AD(H)S und Autismus vielfältige Überschneidungen, so dass auch Lernschwierigkeiten zum Erscheinungsbild gehören. In aller Regel erfolgt die Diagnostik vor Schulbeginn und nach meinem Eindruck kommen diese Kinder seltener in eine Lerntherapie-Praxis.

FAS – Fetale Alkoholspektrumsstörungen: Hier ist die Ursache klar: Es kommt in der frühen Schwangerschaft zu alkoholbedingten Fehlbildungen sowohl des Zentralen Nervensystems als auch einzelner Organe, übrigens die häufigsten nicht genetisch bedingte Fehlbildungen, die durch angepasstes Verhalten zu verhindern wären: Kein Alkohol in der Schwangerschaft! Dabei gibt es auch äußere Merkmale wie Minderwuchs, ein kleiner Kopf, Gesichtsveränderungen, ansonsten wieder ähnliche Folgen und Erscheinungsbilder: Beeinträchtigungen in der kognitiven Entwicklung und Wahrnehmungsstörungen sind Merkmale, ebenso Entwicklungsverzögerungen im emotionalen und sozialen Bereich – und speziell im Umgang mit Zeit, Geld und Rechnen (!). Die Schullaufbahn ist erheblich beeinträchtigt, nur 10% erreichen einen Realschulabschluss, 3% einen gymnasialen Abschluss. Die physischen und psychischen Folgeschädigungen gelten als irreversibel, so dass für diese Gruppe ein weniger gute Prognose besteht.

  • Für die lerntherapeutische Betreuung werden als spezielle und bewährte Hilfe benannt: viel Wiederholung, Beständigkeit, Routine sowie verständliche und kurze Sprache.

Mein FAZIT für die Lerntherapie bzgl. aller dreier Beeinträchtigungen:

  • Bei einem Teil der Kinder, die in die Lerntherapie kommen, werden diese oder andere Diagnosen vorliegen, die dann für uns ein wenig Erklärung, Verständnis und Entlastung bedeuten können, ohne dass wir diese weiter anamnetisch beforschen müssen. Das ist bei diesen Kindern in aller Regel ausführlich geschehen.
  • Für einige, sicher eher wenige Kinder, bei denen „erstaunliche, irritierende“ Verhalten auftreten und/oder kaum Entwicklungen zu erkennen sind, kann sich für die Lerntherapeutin die Frage stellen, ob sie die Eltern anspricht (und bei Einverständnis auch die Schule) und anregt, weitergehende Untersuchungen vornehmen zu lassen, z.B. in einem interdisziplinär ausgerichteten Sozialpädiatrischen Zentrum (so wie wir ja auch eventuell bei starken auditiven oder visuellen Problemen Pädaudiologen oder Augenärzte/Orthoptistinnen nahelegen).
  • Für die praktische Unterstützungsarbeit, egal bei welcher Diagnose, gelten durchaus die gleichen Grundgedanken! Es gibt einen großen Spielraum für verhaltenstherapeutische und sozialpsychiatrische Interventionen mit den Kindern und Jugendlichen selber und mit dem Umfeld: Die Angebote der SchADSkiste, von PEP und bei ‚Null Bock‘ sind auf dieser Tagung Beispiele dafür! Und zur passenden Unterstützung gehören auch alle didaktischen Strukturierungsangebote: Regelhaftigkeiten für Verhalten wie transparente Stundenabläufe, Rituale, aber auch Strukturvermittlung für Rechnen (die Kraft der Fünf oder eben ‚wir rechnen mit der Vier‘ …) und Schriftsprache (Häuschenmethode, Leseförderung  und viele andere!). Interdisziplinäre LERN-THERAPIE wirkt!

 

6. Ein Plädoyer für PROFESSIONALITÄT in der Lerntherapie
Der Impulsvortrag und Workshop von HEINRICH PIEPER, Geschäftsführer des Berufsverbands für Lerntherapeut_innen, ordnete den BLT historisch ein als konsequente Weiterentwicklung der bestehenden Fachverbände BVL und FiL. Diesen Blick möchte ich gerne noch erweitern: Für erste bereits bestehende Therapie- und Weiterbildungseinrichtungen und in enger Zusammenarbeit – wie u.a. HELGA BREUNINGER in ESSEN, ANGELIKA NÜHRIG in BRAUNSCHWEIG, CAROLA REUTER-LIEHR in GÖTTINGEN und unter meiner Leitung (JK) seit 1986 bei LESEN und SCHREIBEN e.V. und seit 1998 im KREISEL e.V. – wurde durch die Weiterbildungsordnung des FiL sowie durch die Zertifizierungsregelungen von BVL ein bundesweiter QUALITATIVER Rahmen geschaffen.
Den UNTERNEHMERISCHEN Aspekt in den Vordergrund zu stellen und Interessen von Lerntherapeut_innen zu vertreten, ist jetzt Aufgabe und Ziel des BLT. HEINRICH PIEPER: „Jede Lerntherapie-Praxis ist ein Betrieb, eine Lerntherapeutin ist eine Unternehmerin“.
Dazu gehören neben der, durch die Fachverbände definierten, hohen fachlichen Qualifizierung entsprechende Rahmenbedingungen wie für die therapeutische Arbeit gestaltete Räume, durchdachte und transparente Abläufe, Elternverträge, Arbeitsverträge, Absicherungen und Versicherungen … und: eine angemessene Preisgestaltung. Geschätzte 5.000 Lerntherapeut_innen haben sich inzwischen immer weiter qualifiziert, in der Tat häufig weniger unter unternehmerischen und finanziellen Aspekten – die Freude an der wertvollen Arbeit, die sichtbaren Erfolge für Kinder, Jugendliche, Eltern und in der Schule sowie das Bemerken von Fortschritten waren vielen Kolleg_innen wichtiger als der Verdienst. Anderseits blockieren potentielle Geldgeber wie Jugendämter, Schulbehörden immer wieder höhere Stundensätze.

Hier zu unterstützen, darin sieht der BLT eine wesentliche Aufgabe, z.B. bei Kalkulation/Stundensatzberechnung, Verhandlungen mit Kostenträgern, Öffentlichkeitsarbeit.
Herr Piepers FAZIT: Die Vermittlung von ‚Betriebskompetenz‘ sollte die ‚Fachkompetenz‘ dringend ergänzen!

 

Der Markt der Möglichkeiten hatte gut besuchte Angebote, wobei für einige Teilnehmer_innen die Zeit ein wenig knapp wurde, alles war nicht zu schaffen … so ist es auf einem Markt …

Wir hatten wichtige Netzwerkpartner für einen Marktstand eingeladen: ANNETTE HÖINGHAUS präsentierte eindrucksvoll die vielfältigen Aktivitäten des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie BVL (5.000 Mitglieder = 4.000 Eltern und Lehrkräfte sowie ca. 1.000 Lerntherapeut_innen); KATHRIN GERSTMEIR stellte den Fachverband für Lerntherapie FiL vor (besonders die die hohe Qualität sichernden Tätigkeiten; knapp 900 Mitglieder); HEINRICH PIEPER berichtete  über den vor zwei Jahren gegründeten den Berufsverband für Lerntherapeut_innen BLT, übrigens jetzt mit neuer Satzung und mit einer Berufsordnung und Angeboten  zur betriebswirtschaftlichen und -organisatorische Unterstützung.
Siehe zu allen drei Marktständen auch in der Rubrik Aktuelles aus dem KREISELnetzwerk und von Netzwerkpartnern

Bestens besucht waren auch der Einblick in das Therapeutische Zaubern mit THOMAS DIETZ (wirklich eine zauberhafte Bereicherung für die Lerntherapie! Wir freuen uns, im neuen Jahr den Zauberlehrgang in HAMBURG zum dritten Mal durchzuführen) und der KREISELstand mit all seinen Aktivitäten.

Über die unzähligen tollen Rückmeldungen haben wir uns sehr gefreut!

 

EIN GROßER DANK AN ALLE GÄSTE & MITWIRKENDEN
AN SÄMTLICHEN BILDSCHIRMEN –
UND AUF EIN WIEDERSEHEN AM 6. & 7. NOVEMBER 2021,
WO & WIE AUCH IMMER!