Rahmenbedingungen Lerntherapie in Schule

Ein Artikel von Dr. Jochen Klein: Gute Lerntherapie in Schule braucht gute Rahmenbedingungen

Hamburg April 2016. Aktuelle Überarbeitung der Erstfassung von 2006. © Dr. Jochen Klein. Nachdruck auch in Auszügen nur mit Genehmigung des Autors. Zur reichlichen Nutzung frei gegeben.
Als PDF zum Ausdrucken können Sie den Artikel hier herunterladen.

 

Zehn Jahre Lerntherapie IN Schule – Von der Prävention zur Inklusion

Eine erste Fassung dieses Textes stammt aus dem Jahr 2006. Lerntherapie IN Schule gab es kaum, die Umsetzung von Inklusion war in den allerersten Anfängen.

Inzwischen gibt es alleine seit dem Beginn der nunmehr zehn Jahre dauernden KREISELinitiative „Lerntherapie IN Schule“ z.B. in HAMBURG Lerntherapie an mehr als 100 Schulen, überwiegend im Grundschulbereich, mehr und mehr auch an allen weiterführenden, einschließlich Gymnasien und des berufsbildenden Bereichs.

In NIEDERSACHSEN werden die Fortbildungskonzepte des KREISEL für individuelle Förderung & Inklusion in zwei großen Regionen umgesetzt:

  • In CELLE seit 2009 aus dem Interesse des Jugendamts heraus, den Gedanken „Früh fördern statt spät sitzenbleiben“ präventiv anzuwenden, mit dem Erfolg, dass sich die Einzelhilfen nach §35 KJHG halbiert haben! Keins der früh geförderten Kinder hat später einen Antrag gestellt!
  • Im gesamten Landkreis OSNABRÜCK ermöglichen seit 2010 Gemeinden und Stiftungen die multiprofessionell verstandeneZusammenführung von LehrerFortbildung & SchülerCoaching, wovon schon mehr als 350 Kinder profitieren!

Inzwischen geht die ursprüngliche bildungspolitische Zielsetzung der Prävention von Lernproblemen nahtlos über in die Inklusion, also die Einbindung und den Förderauftrag für alle Lernenden. Bundesweit mehren sich entsprechende Schulprojekte.

Der KREISEL hat sich des Themas intensiv angenommen:

  • Der KREISEL hat ein Leitbild Integrative Lerntherapie und Inklusion veröffentlicht;
  • Ein Informationsfilm gibt Eindrücke von der Arbeit und der Wirksamkeit
  • Gemeinsam mit DAVID GERLACH hat der Autor dieses Artikels im April 2016 den Beitrag „Alle Kinder sind Inklusionskinder! – alphaPROF als Schnittstelle von inklusiver Schul- und Unterrichtsentwicklung und außerschulischer Lerntherapie“ verfasst. Der Artikel ist Teil einer größeren Initiative von alphaPROF, Legakids, KREISEL u.a., über das Internet Fortbildung, Professionalisierung und Qualifizierung für Lehrkräfte zu leisten und durch Lerntherapie den inklusiven Auftrag aller Schulen zu fördern.

 

Alle genannten Medien sind zu finden unter kreiselnetzwerk/lerntherapie-in-schule. Und auf mehreren KREISELtagungen stand das Thema Lerntherapie IN Schule im Mittelpunkt: kreiseltagung-2015, tagungsbericht-2013

Einen wichtigen Baustein für Lerntherapie IN Schule bietet das Rügener Inklusionsmodell (RIM) mit den drei zu verzahnenden Ebenen:

  • qualitativ hochwertiger (Fach-)Unterricht – für alle Schüler_innen,
  • bei Bedarf konzeptionell abgestimmte Kleingruppen – für ca. 15 bis 20%,
  • bei deutlichen Lernschwierigkeiten Einzelförderung – für ca. 5% der Schüler_innen

Und als immer noch wesentliche „Entwicklungshilfe“ kann der Index für Inklusion von Ines Boban und Andreas Hinz dienen.

Mittlerweile ist also aus dem Gedanken der Prävention ein wichtiger Schritt zur Inklusion geworden und kann Lerntherapie IN Schule optimal der Inklusion zum Erfolg verhelfen!

Dabei stehen alle Realisierungen von Lerntherapie IN Schule vor ähnlichen Voraussetzungen wie vor zehn Jahren: Das Gelingen von Lerntherapie und damit womöglich auch das Gelingen von Inklusion benötigt entsprechende Rahmenbedingungen für alle Beteiligten Professionen. Diese werden immer einen Kompromiss darstellen müssen zwischen bewährten lerntherapeutischen Konzepten und der Realität des schulischen Alltags. Daher gibt es im Folgenden eine Überarbeitung des früheren Textes auf der Basis von einem Jahrzehnt Erfahrungen mit Lerntherapie IN Schule. Und dies sei schon vorweg benannt: Neben den äußeren Rahmenbedingungen stellt sich die innere Bereitschaft und Fähigkeit zu multiprofessioneller Kooperation als eine zweite entscheidende Voraussetzung heraus.

 

Individuelle Lerntherapie & Lernförderung von Anfang an: niedrigschwellig, kurzfristig, unbürokratisch

Dezember 2005/Dezember 2015 – Die Lehrerin Frau Kaiser kennt ihre 1. Klasse inzwischen gut: Da sind die Spitzenschüler_innen, die von Beginn an schon gut lesen und schreiben konnten. Fängt Natalie nicht sogar schon an, sich ein wenig zu langweilen? Und Kevin zeigt es den anderen allzu deutlich, was er schon kann! Verena macht Frau Kaiser ganz andere Sorgen. Was anfangs zurückhaltend, nur ein wenig scheu schien – Verena war vor der Schule nur ein halbes Jahr in der Kindertagesstätte –, entpuppt sich langsam als immer größer werdende Verunsicherung, mit Klagen über Magenschmerzen, womöglich schon Schulangst? Von Verenas Lesen hat Frau Kaiser gar keinen Eindruck. Oder doch: Verena scheint die Arbeitsanweisungen für die Hausaufgaben zu verstehen, die sie in ihrem Hausaufgabenheft mitbekommt. Hilft vielleicht die Mutter mehr als vereinbart ist? Und im Unterricht könnte es durchaus sein, dass Natalie ihre Lernpartnerschaft so richtig gut ausfüllt und Verena die kleinen Lesesituationen abnimmt. Beim Schreiben, da ist Frau Kaiser sich sicher, hapert es noch gewaltig. Aber Verena ist nun mal insgesamt etwas langsam und ihre Schreibmotorik ist davon betroffen, klar.

In dieser unsicheren Situation befinden sich viele Lehrkräfte: Wächst da ein „Sorgenkind“ heran? „Soll ich ihm einfach noch Zeit lassen?“ Die Lehrkraft ist Fachfrau bzw. Fachmann für Lernen. Und mit ein wenig Berufserfahrung ist sie auch sehr kompetent für das frühe Bemerken von Problemen im Lernen. Und dennoch diese Unsicherheit. Toll, wenn es eine zweite Kollegin für einen Austausch gibt – wenn es denn eine zweite Kollegin gäbe! Wie toll, wenn es ohne Aufwand für Frau Kaiser und ohne besonderen Aufwand für das Kind mindestens „den zweiten Blick“ gäbe, eine detaillierte Beobachtung von Verena, eventuell auch mal in der Einzelsituation. Womöglich reichte eine Beratung für ein Aufbrechen des beginnenden Teufelskreises von Lernunsicherheit – Lehrerverunsicherung – Lernangst – Lernversagen – Lehrer-Ratlosigkeit.

Und dabei kann der „zweite Blick“ auch schon durch die Fachkraft für Kinder mit Lernproblemen, die IN Schule tätige Lerntherapeutin erfolgen – kurzfristig hinzugezogen, niedrigschwellig, und bevor womöglich aufwändig weitere Instanzen eingeschaltet werden: „Stell Dir vor, Du erkennst ein beginnendes Problem und erhältst gleich Unterstützung!“ Durch eine Lerntherapeutin, ausgebildet darin, systemisch-ressourcenorientiert „Diagnostik zur Förderung“ zu betreiben und sich mit der Lehrkraft und den Eltern zu beraten; vorbereitet, individuell und differenziert für das einzelne Kind mit dessen aktuellen Kompetenzen zu arbeiten; mit seinen Stärken, bei all seinen Schwächen, mit den Buchstaben, die es kann, angesichts all der anderen, die es nicht kann. In den meisten deutschen Schulen ist so etwas immer noch eher die Ausnahme, trotz Inklusion. Und dies, sollte, müsste und könnte sich schnell ändern! Vielerorts wird ein gründliches und ausführliches Verfahren in Gang gesetzt, um die „Bedürftigkeit“ zu ermitteln: Förderunterricht, Klasse wiederholen, Intelligenz, Förderschule oder Sprachheilschule, LRS, Dyskalkulie, AD(H)S, Integrationskind ...

Doch wegen dieses riesigen Aufwandes wird die Lehrerin Frau Kaiser die „Meldung“ umso gründlicher prüfen – und nachdem schnell noch ein halbes Jahr vorüber ist, vergeht dann mitunter bis zu einem Jahr (!) für die vorgesehene Überprüfung.

Stattdessen könnte die oben geschilderte Ausnahme die Regel werden. Die verlorenen ein bis eineinhalb Jahre sollten und können vermieden werden. In immer Bundesländern erhalten die einzelnen Schulen im Rahmen der Selbstverwaltung finanzielle Mittel, die sie für Honorarkräfte ausgeben können. Wer fördern will, kann das jetzt tun!

 

Integrative Lerntherapie: Schon lange vor PISA und vor der Verpflichtung zur Inklusion ist im Gefolge der seit Jahren gewachsenen Schulkrise ein neuer Beruf entstanden: Für Kinder mit Lernproblemen und Lernstörung bieten Lerntherapeut_innen überwiegend außerhalb und mit steigender Tendenz auch innerhalb von Schule ihre hoch qualifizierte Dienstleistung an. Diese beinhaltet eine Zusammenführung vielfältiger Kompetenzen: Allgemeine Entwicklungsförderung (Wahrnehmung, Motorik, Sprache), psychologische Betreuung, (Selbstwert, Selbstwirksamkeit, Selbststeuerung, Aufmerksamkeit), Fachdidaktik in den Bereichen Deutsch und Mathematik, Beratungskompetenz für den begleitenden Dialog mit Eltern und Lehrkräften. In den vergangenen Jahren sind Deutsch als Zweitsprache, Englisch, Hochbegabung, AD(H)S und andere Themen hinzugekommen; emotional-soziale Belastungen erweitern das Kompetenzprofil.

Interdisziplinäres Wissen aus Neurobiologie und Medizin, Neuropsychologie, Erkenntnisse zu Bindung und Beziehung, Konzepte der Ressourcen- und Lösungsorientierung, Methoden aus Ergotherapie und Logopädie, moderne individualisierte  Pädagogik und Didaktik, qualitative und prozessorientierte Konzepte zur Förderdiagnostik, ressourcen- und lösungsorientierte kindertherapeutische Ansätze zur Motivation und Eigenverantwortung – all dies wird durch die Person der Lerntherapeut_in verknüpft zu einem sehr individuellen Zugang zum einzelnen Kind.

Parallel zur Förderarbeit stärkt Lerntherapie durch lösungsorientiert-systemische Beratung  die Möglichkeiten der Lehrkraft und gegebenenfalls der Eltern für den alltäglichen Umgang mit der schwierigen Lernsituation und mit der zuhause womöglich schwer gewordenen Lebenssituation.

 

Von solch hoch qualifizierter, zugleich niedrigschwellig und kurzfristig anzubietender Förderung profitieren alle:

  • das einzelne Kind – weil es nicht eine ein- bis zweijährige Leidenszeit durchmachen muss, in der sich seine Defizite immer mehr anhäufen.
  • die Lehrkräfte – weil sie von einem oder mehreren ihrer „Sorgenkinder“ ein wenig entlastet sind und für dieses begleitende Unterstützung bekommen;
  • die gesamte Klasse, weil die Lehrkraft sich ihr insgesamt besser widmen kann;
  • die Eltern und Familien – weil die unausweichlichen Folgen einer außerordentlichen Lernproblematik in beinahe jedem Fall zu häuslichen Spannungen und Konflikten führen, die gemildert oder sogar vermieden werden;
  • die Schule – weil sie den Inklusionsauftrag erfüllen und sich ein „Förderprofil“ geben kann („Wir fördern alle Kinder“);
  • die Schulbehörde – weil sie frühzeitig „auffällige“ Kinder auffängt und konstruktive Angebote macht, für einen Teil der Kinder ohne große Selektionsverfahren die passende Schullaufbahn findet und einen Teil der Kosten für Förderung o.ä. spart.

 

Wer führt Lerntherapie IN Schule durch?

Grundsätzlich muss bei „Lerntherapie in Schule“ unterschieden werden, ob eine Lerntherapeutin „von außen“ mit einem Teil ihrer Praxisarbeit in die Schule geht oder ob eine Lehrkraft sich selber in lerntherapeutischen Konzepten weitergebildet hat.

Für die Tätigkeit von  Lerntherapeut_innen IN Schule dienen die Ausführungen auf den folgenden Seiten. Ziel ist, mit Hilfe eines – an die jeweiligen schulischen Gegebenheiten – anzupassenden Positionspapiers Grundlagen für eine effektive lerntherapeutische Arbeit im Rahmen von Schule zu entwickeln. Aus vielen Gesprächen und Supervisionen ist bekannt, dass die institutionellen Bedingungen von Schule zum Teil den Bedingungen für gute Lerntherapie widersprechen und in einem Prozess und Erfahrungsaustausch

aneinander angepasst werden müssen. In den vergangenen Jahren gewonnene Erfahrungen dazu sind in dem Positionspapier zusammengestellt. Für die unter a) genannte „lerntherapeutische Lehrkraft“ in der Schule gelten natürlich die gleichen Rahmenbedingungen als erstrebenswertes Ziel.

Jede Lerntherapeut_In wird ihre Konzepte den jeweiligen schulischen Bedingungen annähern – und zugleich gibt es für Lerntherapeut_innen im Sinn des KREISELkonzepts folgende übereinstimmende Grundpositionen und Kompetenzen:

Ganzheitlich-systemisch. Ressourcenorientiert mit Kind und Umfeld.

  • Beziehungs-Kompetenz
  • Diagnostik-Kompetenz
  • Förderkompetenz – Individuell bzw. in der Kleinstgruppe
  • Beratungskompetenz mit Lehrkräften und Eltern

 

Grundlagen für die inhaltliche Ausrichtung der Lerntherapie sind

  • das Curriculum der dreijährigen KREISELausbildung Integrative Lerntherapie & Lernförderung; bundesweite Ausbildung des KREISEL in Hamburg und Heidelberg
  • Jochen Klein und Detlef Träbert: Wenn es mit dem Lernen nicht klappt. BELTZ 2009
  • Jochen Klein: SENSOMOTORIK – SPRACHE – SCHRIFTSPRACHE. Spielekartei zur ganzheitlichen Lernförderung. Überarbeitete Auflage Hamburg 2004

Es wird von einzelnen Schulleitungen auch immer wieder ermöglicht, dass eine Lehrkraft im Rahmen ihrer Lehrverpflichtungen in Einzel-, Paar- oder Kleinstgruppenbetreuung tätig ist.

  • In den vergangenen Jahren haben weit über 500 Lehrkräfte die entsprechende Lerntherapie-Ausbildung im KREISEL absolviert;
  • von 2015 bis 2017 befinden sich 18 Lehrer_innen des Katholischen Schulverbands HAMBURG in der dreijährigen Ausbildung.

Für die Lehrkraft in der Schule können sich mehrere konfliktträchtige Grundprobleme stellen:

  • Ihr Auftrag der Bewertung könnte im Konflikt stehen zur Grundhaltung von Ermutigung und Ressourcenorientierung von Lerntherapie – hier bietet allerdings die Inklusion eine riesige Chance zur Veränderung!
  • Auch bei qualitativ hochwertigem Unterricht für alle wird sich die Frage stellen: Wie viel Individualität und Binnendifferenzierung sind eigentlich möglich bei einer Klassengröße von 20 bis z.T. 30 Schüler_innen an manchen Schulen? – Hier gibt das RIM-Modell die Antwort von gut abgestimmter Kleingruppen- bzw. Einzelarbeit.
  • Diverse „Störfaktoren“ in Schule, z.B. mangelnde Kontinuität und Verlässlichkeit durch schulinterne Erfordernisse – eine der zentralen vertrauensbildenden Aspekte erfolgreicher Lerntherapie – sowie die angedeutete Doppelrolle von Bewerter_in und Ermutiger_in können dem Fördererfolg im Wege stehen.

Für diejenigen Lehrkräfte, die keine umfassende Lerntherapie-Ausbildung absolvieren möchten oder können, sei an dieser Stelle auf das Internetprojekt alphaPROF von LegaKids verwiesen, realisiert u.a. in Kooperation mit dem KREISEL. Das Fortbildungs-, Professionalisierungs- und Qualifizierungsprojekt verfolgt das doppelte Ziel,

  • unterrichtspraktische Methoden und Ansätze zu vermitteln, wie eine lernförderliche Umgebung für alle Schülerinnen und Schüler geschaffen werden kann,
  • eine Erhöhung derDiagnose- und Förderkompetenzen aller Lehrkräfte bzgl. der Lese- und Schreibkompetenzen zu leisten, um ggfs. selber einzeln oder in der Kleingruppe fördernd zu arbeiten und/oder mit Lerntherapeut_innen zu kooperieren.

Lerntherapie IN Schule – Angebote durch die qualifizierte Lerntherapeut_in

a. Qualitative Diagnostik zur Förderung bezüglich Sensomotorik, Sprache, Schriftsprache, Rechnen, Psyche und Umfeld – mit Blick auf Kompetenzen und Belastungen

  • im Jahr vor der Schule bzw. in der Vorschule
  • In den ersten beiden Schuljahren
  • beim Übergang zur weiter führenden Schule
  • In weiterführenden Schulen aller Art, einschließlich Berufsschüler_innen

b. Beratung mit den Eltern

  • Wünschenswerte, mögliche weitere Schritte
  • „Elternthemen“ (Themenwünsche der Eltern)
  • Therapeuten-/Lehrerthemen (Themenwünsche der Professionellen)
  • Eventuell: Elternabende

Die Beratung mit Eltern des Kindes geschieht in enger Absprache mit der Lehrkraft (bei vertrauensvoller Zusammenarbeit kann sich daraus eine „offene“ Sprechstunde für Lehrkräfte und womöglich auch für Eltern entwickeln).

c. Kooperation mit der Lehrkraft

  • gegenseitige Hospitation
  • Abstimmung von Unterricht und Lernförderung
  • Beratende Unterstützung für die Förderarbeit der Lehrkraft
  • Regelmäßiger Austausch (Bilanzgespräche; Schullaufbahn u.a.)

All dies leistet zugleich eine optimale interne Schulentwicklung und macht einen wichtigen Bestandteil auf dem Weg zur inklusiven Schule aus.

d. Integrative Förderarbeit mit einer einzelnen Schüler_in und Lerntherapie mit einem Paar oder in der Kleinstgruppe – und zwar in den Bereichen

  • Sensomotorik
  • Sprache
  • Schriftsprache (Lese-Rechtschreib-Schwäche/Legasthenie)
  • Rechnen (Rechenschwäche/Dyskalkulie)
  • Selbstwert, Selbstorganisation, emotional-soziales Verhalten

e. Außerschulische Anregungen und Kooperation mit dem professionellen und nichtprofessionellen Helfersystem in der Region

f. Leseförderung in Kleingruppen

g. Intensivmaßnahme in den Ferien

h. Konzentrationstraining und andere spezifische Angebote

i. Hospitation und Coaching: Die Lerntherapeut_in hospitiert im Klassenunterricht und entwickelt gemeinsam mit der Lehrkraft neue Lern-Lösungen

j. Wünschenswert:

  • im Vorfeld bzw. begleitend eine gemeinsame zwei- bis dreitägige gemeinsame Fortbildung der Lehrkräfte und LerntherapeutInnen
  • begleitend themenbezogene Fortbildungseinheiten sowie regelmäßige Beratung und Supervision/Fallbesprechungen

 

Rahmenbedingungen von Lerntherapie IN Schule

Was ist zu bedenken? Was ist aus lerntherapeutischer Sicht wünschenswert?

a. Die Schulen im Einzugsgebiet der Praxis

In der Regel sollten Lerntherapeut_innen an Schulen tätig sein, die im Einzugsgebiet der Praxis liegen: Zur Entwicklung und Aufrechterhaltung der lerntherapeutischen Grundhaltung empfiehlt es sich, neben der Tätigkeit in Schule auch in der freien Praxis zu arbeiten:

  • Einbettung der Schul-Arbeit in das Gesamtkonzept der Praxis
  • Die Integration der Lerntherapeutin in eine Schule wird erleichtert
  • Identisches lokales Netzwerk von weiteren „Unterstützern“ (professionelle: kooperierende Therapeut_innen, Ärzte; Freizeitbereich, Tagesstätten …)

b. Der Raum in der Schule

  • Die Qualität des Raumes: hell, Größe mindestens 16 bis 25 qm bei einer Dreier-Gruppe
  • Die Schule stellt einen Raum bereit, dieser muss für die lerntherapeutischen Stunden sicher verfügbar sein = in der vereinbarten Zeit für Lerntherapie kein Zugriff für andere schulische Zwecke. Und: eigener Schlüssel, abschließbarer Schrank für Material und wegen Datenschutz; beheizt.
  • Eine Mindestausstattung ist zu gewährleisten – hier ist zu klären, wer diese bereitstellt.

c. Die Zeiten für die Lerntherapie in der Schule

  • Möglichst während der Unterrichtszeit – sofern die Schule dies akzeptiert (dies könnte dann auch der Vormittag sein),
  • außerhalb der Unterrichtszeit (dann eher nachmittags),

Denkbar sind auch Projekte am Nachmittag und Intensivmaßnahmen in den Ferien.

Im Rahmen der Ganztagsschule entwickeln sich neue zeitliche Perspektiven. Allerdings muss auch Folgendes bedacht werden:

  • Die durch manche Schulen vorgegebenen Zeiten – z.B. „täglich in der ersten Stunde“ – können für die sonstige Tagesstruktur einer Lerntherapeutin ungünstig sein;
  • Wann fehlt ein Kind am besten im Unterricht? Erfahrung und inzwischen sehr häufige Meinung: Im ohnehin schwachen Fach, wo es vom Unterricht kaum profitiert.

Auf jeden Fall ist eine gute Absprache zwischen Lehrkraft und Lerntherapeutin sehr wertvoll und absolute Voraussetzung für eine gelingende Kooperation.

d. Die Auswahl der Schüler_innen

Grundsätzlich ist dies mit der einzelnen Schule zu klären: je nachdem, wie deren bisherige Auswahlverfahren schon laufen – Beratungslehrer_in, Schulpsycholog_in, Förderkoordinator_in.

Aus lerntherapeutischer Sicht  –  und dies ist auch der Wunsch vieler Lehrkräfte – könnte und sollte ein aufwändiges Diagnostik- und Selektionsverfahren vermieden werden. In aller Regel haben Lehrkräfte nach wenigen Schulbesuchswochen oder -monaten ausreichend Eindrücke. Die bisherigen Erfahrungen aus allen Schulprojekten zeigen, dass nach einer Zeit der Zusammenarbeit die Sicherheit bei der Auswahl sehr wächst.

Folgende Vorgehensweise hat sich bewährt: Die Lehrkraft nimmt eine erste Vorauswahl vor, spricht die Eltern an und dann wendet man sich an die Lerntherapeut_in; es folgen Elterngespräch & Diagnostik zur Förderung.

Wenn die Kinder inhaltlich und gruppendynamisch zueinander passen, ist es aus finanziellen und  organisatorischen Gründen sinnvoll, wenn zwei/drei Kinder aus einer Klasse kämen.

Aus den inhaltlichen Ansätzen und Möglichkeiten von Lerntherapie kann es sich ergeben, dass Kinder mit erheblichen (Fremd-)Sprachproblemen und mehrsprachigem Hintergrund in einer Lerntherapie-Förderung nicht optimal unterstützt werden können. Hier benötigt die Lerntherapeut_in eine zusätzliche Qualifizierung im Bereich Deutsch als Zweitsprache, Mehrsprachigkeit und z.B. Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen – dies bedarf der Absprache zwischen Lerntherapeut_in und Schule.

Der Betreuungsrahmen

  • Die lerntherapeutische Arbeit sollte mit den Schüler_innen, den Eltern, den Lehrkräften und gegebenenfalls mit weiteren kooperierenden Einrichtungen erfolgen;
  • In vielen Fällen wünschenswert ist die Einzelförderung; der (realistische) Regelfall für die Betreuung werden Paar oder Dreier-Gruppe sein (Kompromiss zwischen therapeutischer Erfordernis und finanzieller Machbarkeit;
  • Je Gruppe ein Termin à 45 Minuten in der Woche (für die Dreier-Gruppe sind 60 Minuten effektiver; dies geht z.B., wenn an der Schule die 45-Minuten-Stundenstruktur aufgehoben ist); wenn die Möglichkeit besteht, sind sicher zwei oder sogar drei Termine je Woche wirkungsvoller;
  • Ein Vertragsumfang von 40 Stunden für ein Jahr hat sich als realistisch bewährt; eine Orientierung am Schuljahr ist sinnvoll, allerdings nicht leicht machbar.

Eingangsphase

  • Ein „Übergabe-Gespräch“ Lehrkraft – Lerntherapeut_in = 1 Stunde je Schüler_in
  • Diagnostik zur Förderung und Aufbau der Beziehung = zwei bis drei Einzeltermine mit jeder Schüler_in;
  • Ein Elterngespräch je Schüler_in (Reihenfolge gegebenenfalls umgekehrt)

Es kann im Einzelfall sinnvoll sein, auf die Eltern-Mitarbeit ganz zu verzichten und mehr Zeit für die Beratung mit der Lehrkraft einzusetzen.

Verlauf

  • ca. 35 Wochen x 1 Einheiten = 35 Lerntherapie-Stunden mit Schüler_innen
  • auf jeden Fall Gespräche mit der Lehrkraft im Gesamtumfang von 2 – 4 Einheiten: effektiv sind ein- bis zweiwöchentliche „Tür-und-Angel-Gespräche“ sowie je Halbjahr ein längeres Bilanzgespräch = ca. 4 Einheiten;
  • möglichst zwei Elterngespräche; wenn dies nicht möglich ist, stattdessen mehr Beratung mit der Lehrkraft;
  • möglichst zwei Abende mit Eltern (aller Gruppen an einer Schule), möglichst gemeinsam mit den Lehrkräften.

Auswertungs-/Bilanzgespräch

Zum Ende eines Halbjahrs soll auf jeden Fall ein Bilanzgespräch zwischen Schule (Leitung, Lehrerkolleg_innen, Lerntherapeut_in) stattfinden, möglichst auch vor einer Zeugnis- oder Fallkonferenz. Beispiele zeigen, dass sich bei einer vertrauensvollen Zusammenarbeit eine Einbettung der Lerntherapeut_in in die schulischen Kommunikationsstrukturen ergibt und diese dort einen festen Platz bekommt.

Die Kosten

Beim Kostensatz je Therapieeinheit ist zu berücksichtigen, dass damit die effektive Tätigkeit mit einem Kind bzw. mit der Lehrkraft bzw. Eltern vergütet wird; ein pauschaler Satz für Vor-/Nachbereitung, Materialherstellung, (Kurz-)Berichte u. a. ist enthalten. 

Vorausgesetzt ist eine qualifizierte Lerntherapeut_in mit dreijähriger Zusatzausbildung und Zertifizierung.

 

Die Kosten pro Schüler_in (bei 45-minüten Zeiteinheiten):

Einzelförderung eines Kindes

Kosten/ Beiträge

 

40 Einheiten inkl. Gespräche mit Lehrer/ Eltern

40 x 50€ (Honorar, Verwaltung)

2.000,00€

 

Einzel- und Paarförderung von zwei Kindern (Kalkulation bezogen auf ein Kind)

Kosten/ Beiträge

 

15 Einheiten Einzelförderung/ je Kind inkl. Gespräche mit Lehrern und Eltern

15 x 50€ (Honorar, Verwaltung)

750,00€

25 Einheiten Paarförderung/je Kind

25 x 32€ (Honorar, Verwaltung)

800,00€

Kosten der Förderung je Kind

 

1.550,00€

 

Einzel- und Kleingruppenförderung von drei Kindern (Kalkulation bezogen auf ein Kind)

Kosten/ Beiträge

 

15 Einheiten Einzelförderung/ je Kind inkl. Gespräche mit Lehrern und Eltern

15 x 50€ (Honorar, Verwaltung)

750,00€

25 Einheiten Dreierguppe/je Kind

25 x 25€ (Honorar, Verwaltung)

625,00€

Kosten der Förderung je Kind

 

1.375,00€

 

Diesen Kosten sind gegenüberzustellen die Aufwendungen

  • für das Schulsystem z.B. für das Wiederholen einer Klasse, für spätere langjährige Finanzierung von berufsvorbereitenden und -begleitenden Maßnahmen
  • für das Sozialhilfesystem in Form von Einzelfallhilfen nach SGB VIII, §35, 27 und andere
  • für das Krankenkassensystem in Form von ärztlichen Verordnungen für andere Entwicklungstherapien

 

Die Finanzierung

a. Eine finanzielle Elternbeteiligung ist in der Regel erforderlich und hat sich sehr bewährt!

Aus therapeutischer Sicht und auch aus den schulischen Erfahrungen führt dies in aller Regel zu besserem Engagement. Darüber hinaus ermöglicht Elternbeteiligung eine langfristige Absicherung der lerntherapeutischen Tätigkeit.

Vielfältige Erfahrungen zeigen, dass bei den meisten Eltern und inzwischen auch an vielen Schulen eine gute Akzeptanz dafür besteht.

Für echte „Notfälle“ werden zusätzliche Fremdmittel erforderlich sein, siehe unten.

b. finanzielle Mittel der Schule

Mit steigender Tendenz stehen dort im Rahmen von mehr Autonomie und Selbstverwaltung Etatmittel für Honorarkräfte oder auch für „Hausaufgabenhilfe“ zur Verfügung. Die Ganztagsschulen erhalten bundesweit mehr eigene finanzielle Möglichkeiten. Und auch für Schulen ist von einer finanziellen Beteiligung eine höhere Wertschätzung zu erwarten.

c. Unterstützung aus dem schulischen Förderverein

Deren Charakter wandelt sich an vielen Schulen hin zu einem Verständnis, für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring zuständig zu sein; es gibt an einzelnen Schulen schon Fördervereine speziell für Lerntherapie!

d. Gegebenenfalls ist zu prüfen, welche behördlichen Mittel einbezogen werden können: Schulbehörde, Sozialbehörde, Jugendbehörde (z.B. Hausaufgabenhilfe, Bildungs- und Teilhabe-Paket; SGBVIII).

e. Ansprache von Stiftungen und Sponsoren

Auch hier gibt es eine zunehmende Bereitschaft und viele kleine lokale Stiftungen oder Vereine; es benötigt allerdings einiges Engagement von Lerntherapeutin/Schule/Eltern.

 

Wie kommt die Lerntherapie IN die Schule?

VORWEG: Lerntherapie kann und soll (in) einer Schule keinesfalls „von oben“ verordnet werden. So wie Lerntherapie generell auf Freiwilligkeit beruht – eine der wesentlichen Voraus-setzungen für den Erfolg –, gilt dieser Grundsatz auch für die Einrichtung von Lerntherapie IN Schule.

a. Der einfachste Weg dürften schon bestehende Kontakte zu einer interessierten Schule sein (Lerntherapeutische Praxis im Einzugsbereich!).

b. Das hier vorgestellte und von der einzelnen Lerntherapeut_in dann inhaltlich weiter zu differenzierende Konzept wird an eine Schule herangetragen; Vorstellen in der Fachkonferenz Deutsch/Mathematik bzw. Gesamtkonferenz, gegebenenfalls in einem öffentlichen Vortrag.

c. Empfehlenswert sind Ansprache und Einbeziehung des Elternrates. Auf jeden Fall sollte eine Informationsveranstaltung für die Eltern angeboten werden.

d. In den jeweiligen Bundesländern lohnt es, die schulgesetzlichen Regelungen zu Förderung, Legasthenie, Dyskalkulie u.a. auf Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen zu überprüfen: Was ist dort an Kooperation möglich?

e. Ein besonderer Flyer der Schule könnte das schulbezogene Konzept noch einmal schriftlich darstellen – sowohl die Schule (Schulprofil) als auch die Lerntherapeut_in könnten sich damit nach außen darstellen.

Der KREISELelternflyer steht dafür zur Verfügung. Ein Einleger würde die schulspezifischen Konditionen erläutern. Über das KREISELnetzwerk bzw. regionale Therapeutenlisten kann eine Lerntherapeut_in erfragt werden.

f. Insgesamt ist es wertvoll, wenn die Initiative für eine lerntherapeutische Fachkraft von Eltern/Elternrat mit getragen wird bzw. ausgeht; dies erhöht die Akzeptanz auf Seiten weiterer Eltern. Zugleich ist wichtig, dass die Schule generell das Angebot „Lerntherapie“ befürwortet.

 

Weiterer Klärungsbedarf

a. Mit der Schule sollten Kooperationsverträge geschlossen werden – hier hat der KREISEL im Rahmen seiner Initiative ein Muster entwickelt, mit dem Leitgedanken: „Die Schule unterstützt aktiv die Arbeit der Lerntherapeut_in“

  • durch guten und garantierten Raum
  • Fürsorge, dass das Kind zur Therapie pünktlich erscheint
  • Schweigepflichtsentbindung Lehrer/Lerntherapeutin/Eltern

b. Elternvertrag: „Das bieten LerntherapeutInnen – Das wird von den Eltern erwartet“

c. Dringend zu regeln ist der Umgang mit Absagen durch Eltern, Lehrkräfte bzw. Lerntherapeut_in; dies hat

  • schulorganisatorische Aspekte – „rechtzeitige Absage“: wie zu definieren? wer gewährleistet sie? Wie ist sie weitgehend zu verhindern?
  • therapeutische Aspekte – wie ist die für Lerntherapie erforderliche Kontinuität zu gewährleisten?
  • finanzielle Aspekte – wer bezahlt was im Falle von Absagen?

Ein Gruppenplatz wird laut Vertrag zur Verfügung gestellt und ist durchgängig zu bezahlen, auch im Fall von Absagen durch die Schule bzw. die Eltern. Im Fall von Absagen durch die Therapeutin wird ein Termin nicht in Rechnung gestellt.

d. Die Haftung muss geklärt werden: Bei einer schulischen Veranstaltung tritt regelhaft die Versicherung der Schule ein. Das Thema sollte dennoch angesprochen werden!

e. Ein wichtiger Punkt wird die Abrechnung sein: Wer übernimmt deren Verwaltung, insbesondere den Eingang der Elternbeiträge? Eventuell ein Elternteil: dies insbesondere dann, wenn diese Eltern womöglich keinen eigenen finanziellen Beitrag leisten können. Um den Verwaltungsaufwand so gering wie möglich zu halten, sollte auf jeden Fall auf eine Einzelabrechnung verzichtet werden, sondern eine Monatspauschale berechnet werden, die die Eltern an die Schule zahlen.